Bonner Rundschau vom 31.1.2004

Blues-Märchen mit Happyend

Krimiautor Jacques Berndorf zu Gast in der Endenicher Harmonie

Bonn. Musikalische Lesungen sind beileibe kein Novum – in der Künstlerkneipe Harmonie jedoch verhältnismäßig selten. Der Auftritt des Eifel-Krimiautoren Jacques Berndorf alias Michael Preute mit dem Pianisten Christian Willisohn zeigt jedoch, dass das Konzept auch in der Harmonie bestens ankommt, das Interesse war groß, der Saal war voll.

Berndorf ist nicht nur ein guter Schreiber, er versteht es auch hervorragend, aus seinen Werken vorzutragen. Seine Stimme klingt angenehm, ist sonor, seine Intonation eindringlich – man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Es ging um die Geschichte des jungen Otto Krause, der seine große Liebe findet. Aber schafft er es auch sie zu halten?

Darum rankt sich das Geschehen, zu dem Christian Willisohn (Piano/Gesang) einige Stücke komponiert hat und die Erzählung mit großem Einfühlungsvermögen äußerst nuanciert umwebt. Literatur und Musik gehen zu Anfang und Ende der einzelnen Episoden harmonisch ineinander über, stehen dann aber auch für sich alleine. Hervorragend, wie die Bluesstücke sich dabei mit den zuweilen witzigen, zuweilen traurigen Ereignissen ergänzen. Eine kongeniale Paarung der Geschichte mit dem Blues, der es wie kaum ein anderer Musikstil versteht, Verzweiflungsgefühle, Aussichtslosigkeit und Trauer in gleichem Maße auszudrücken, wie Glück und Zufriedenheit.

Ein Blues-Märchen an dessen Ende ein versöhnliches Happyend steht. Welches Spielvermögen und welche Virtuosität in Willisohns Pianospiel steckt, bewies der Münchner nach der Pause. Eindrucksvoll seine Energie, die er bei seiner ausgeprägten Interpretation des Klassikers „Basin Street Blues“ entwickelte, wobei er tief in die Stilistikkiste des Ragtime-, Boogie Woogie- und Stride-Pianos griff. Berndorf wartete indes mit einer skurrilen Geschichte um „Kläuschens Mord an Tante Hermine“, die zunächst nach dem perfekten Verbrechen aussieht, sich letztlich jedoch in Wahnvorstellungen und Selbstauslieferung des Delinquenten auflöst.

(WPR)

 

Bonner Generalanzeiger vom 30.1.2004

Zwei Stimmen für den Blues im Leben

Lesung Berndorf und Willisohn in der Harmonie

 

Auf den ersten Blick ist Otto Krause das, was man den typischen Verlierer nennen würde – einer dieser Typen, die in den Liedern von Tom Waits oder Joe Cocker vorkommen. Arbeitslos seit Jahren, der Rücken kaputt, seine Frau ist auch schon lange weg. Als einziger Gesprächspartner bleibt nur eine Boa Constrictor namens „Max“ und als einzige Ablenkung das gestohlene Universal- Lexikon in 24 Bänden. Keine Frage, „Otto Krause hat den Blues“.

Genauso heißt auch das „Bluesmärchen“ aus der Feder des Eifel-Krimi-Autors Jacques Berndorf alias Michael Preute, zu dem der Münchner Musiker Christian Willisohn sieben neue Stücke komponiert hat. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit präsentierten sie jetzt den Zuschauern in der Endenicher „Harmonie“.

Wobei allein schon die Stimmlagen Berndorfs und Willisohns nahezu perfekt miteinander harmonieren. Und ebenso, wie Willisohn seine Musik auf Otto Krauses Geschichte hin geschrieben hat, trifft Berndorf in der Figur seines „verlorenen Helden“ den typischen Ton des New Orleans Blues – von Aussichtslosigkeit über Ironie bis zu den seltenen wahren Glücksmomenten im Leben. Krause in seiner Art ist sowohl den Autoren als auch dem Publikum letztendlich sympathisch genug, um ihm genau diese Momente zu gönnen. Und so klingt der Blues zum Ende der ersten Hälfte des Abends versöhnlich aus. Um dann nach der Pause seine volle Kraft und Spielfreude zu entfalten. Drei Stücke reichen aus, um auf eindrucksvolle Weise zu zeigen, dass diese Musik für Willisohn kein Begleitgeräusch, sondern Leidenschaft ist. Und dies um so mehr, da seine Karriere keineswegs selbstverständlich war, sondern erst über einige mühsame Umwege zum Blues geführt hat. Mitte der Achtziger tourte er allerdings schon mit zahlreichen anderen Bluesgrößen quer durch Europa und die USA.

Berndorf hingegen hat seither seiner anderen, mitunter höchst makaberen Lust gefrönt: Wie in der Geschichte der mehrfach vom Schönheitschirurgen aufgebesserten Lebedame Roswitha, die aus Frust über ihre unerfüllte Liebe zum Pfarrer eines Tages buchstäblich aus allen Nähten platzt. Denn irgendwann erwischt der Blues halt jeden. So oder so.

Ulrike Strauch

 

Achener Zeitung vom 30.01.2004 

Mit Blues im Blut zum Happy End


Eschweiler. Jacques Berndorf solo ist gut. Gemeinsam mit dem Pianisten Christian Willisohn ist er ein Erlebnis. Und ein solches erlebten seine zahlreichen indestädtischen Fans nun im Café Uferlos, wo er die Geschichte von Otto Krause zum Besten gab.

«Otto Krause hat den Blues» lautete der Titel. Jacques Berndorf und Christian Willisohn auch, ist das Fazit des Abends. «Der Mann spielt exakt so, wie meine Figuren reden», war der erste Gedanke, als Jacques Berndorf erstmals Christian Willisohn im Eifelstädtchen Daun Piano spielen hörte.

Gesamtauflage von 1,6 Millionen

Der Autor, dessen Eifel-Romane 2001 eine Gesamtauflage von 1,6 Millionen erreichten, schrieb eigene Texte, hörte sich CDs des Musikers an und fand schließlich den zum Blues passenden Sprachrhythmus.

Dabei ist Christian Willisohn keinesfalls nur auf den Tasten atemberaubend, wie er im Uferlos bewies. Auch sein dunkler Bluesgesang ließ wohl keinen Zuhörer kalt. «Diese Stimme scheint direkt aus New Orleans zu kommen, doch, und das ist das Schlimme, Christian Willisohn ist aus München», scherzte Jacques Berndorf, dessen wirklicher Name Michael Preute ist.

Witzig und traurig

Die einzelnen Bluesstücke ergänzten in wunderbarer Weise die teils witzigen, teils traurigen Episoden aus dem Leben Otto Krauses.

Dieser ist 32 Jahre alt, seit fünf Jahren arbeitslos, und auch der Rücken und die linke Niere bereiten ihm einige Probleme. Durch eine Dummheit verliert er Christine, seine große Liebe. Und in großer Verzweiflung bittet er Gott, zu dem er schon immer ein gespanntes Verhältnis hatte, «ihm einen Gefallen zu tun und ihn auszuwechseln.» Doch unterkriegen lässt er sich nicht.

Mit der Welt versöhnt

Als «städtischer Gewässerbeauftragter» zeigt er es schließlich allen. Und so endet dieses Märchen mit einem Happy End, das den Hörer mit der Welt versöhnt. Ähnlich dem Blues, der von größter Hoffnungslosigkeit bis großer Freude wohl alle Gefühlsregungen ausdrücken kann.

Der zweite Teil des Abends war gekennzeichnet von skurrilem Humor und großartiger Musik. «Roswithas Lebensgeschichte» zwischen Eifeldorf und Schönheitschirurg, sowie «Tante Hermine», die in der Nacht auf Mittwoch um 2.38 Uhr das Zeitliche segnete, woran das 38-jährige Kläuschen nicht ganz unschuldig war, erheiterten die Gemüter.

Und Christian Willisohns Solo nach der Pause ließ die Zuhörer zweifeln, ob der Pianist nicht doch direkt aus New Orleans den Weg nach Eschweiler gefunden hatte.

(ran)  

 

Rheinzeitung Koblenz vom 

Kongeniales Duo zwischen Lebensfreude und Blues

Schriftsteller Jacques Berndorf und Musiker Christian Willisohn spielten sich im Stellwerk die Bälle zu – Neues von Otto Krause

 

Monreal Jacques Berndorf alias Michael Preute liebt das Monrealer „Stellwerk“. Das Restaurant im ehemaligen Bahnhof ist für ihn eine art gute Stube. Und was tut man in der guten Stube? Man lädt Freunde dorthin ein und erzählt ihnen Neues. Genau das tat Berndorf am Freitagabend.

Vor ausverkauftem Haus erzählte er Neues. Aber nicht wie gewohnt in der Hauptsache von Spürnase Siggi Baumeister, der in der Eifel komplizierte Mordfälle löst und dabei auch noch Klüngel und Korruption aufdeckt. Sondern von Otto Krause der seit fünf Jahren Arbeitslos ist, dessen Kreuz von der schweren Arbeit auf dem Bau total kaputt ist und dessen linke Niere „nicht richtig tickt“. Das ist Otto Krause, der Mann hat – wen wundert´s – den Blues.

Aber nicht irgendeinen drittklassigen Blues, sondern einen erstklassigen. In der Person von Christian Willisohn, den Kritiker als Europas zurzeit besten Blues-Singer bezeichnen. Willisohn, dessen Lieder in Berndorf/Preutes Eifelkrimis immer eine Rolle gespielt haben, nämlich, als sie Siggi Baumeister in schlimmen Stunden als Überlebenselexier dienten. Willisohn spielt an diesem Abend im Stellwerk. Der Mann legt so viel Herz und auch Körper in seine Musik, dass ihm die Noten wegen seiner intensiven Taktschläge mehrmals vom Piano fallen. Der Mann macht keine Musik, Willisohn ist Musik, lebt sie.

 Berndorf und Willisohn ergänzen sich. Gerade noch erzählt Berndorf von Otto Krause, von seiner vermurksten Kindheit, von seinen Selbstmordgedanken, die er nur deshalb nicht umsetzt, weil er gar nicht weiß, wie man sich umbringt. Noch ertönt das Tremolo in Berndorfs rauchiger Stimme, da setzt Willisohn bereits ein. Berndorf führt den Satz zuende, der Musiker übernimmt. Sie spielen sich an diesem Abend nahtlos viele Bälle zu, die beiden Künstler. Bälle voller Melancholie, aber auch voller Lebensfreude. Wenn Otto Krause traurig ist, ist es auch die Musik.

Am Ende, als Krause seinem Leben mit allen Widerlichkeiten ein Schnäppchen schlägt und hochstapelnd doch noch die „bright side of life“ erreicht, da zeigt Willisohn erst so richtig, was er drauf hat. In der einen Sekunde glaubt man, Joe Cocker in Monreal zu hören, nur einen Wimpernschlag später könnte es auch Satchmo sein.

Und Berndorf? Er zeigt an diesem Abend einmal mehr, dass er die feinen Klingen der deutschen Sprache perfekt führt. Er spielt wie auch Musiker Willisohn mit den Zwischentönen, ist mal grob-ordinär, dann Meister der Nuancen, aber immer äußerst Lebensnah. Etwa wenn Otto Krause bestätigt „nicht den Hauch eines Führerscheins“ zu besitzen. Musik und Sprache werden an diesem Abend im Stellwerk eins, verschmelzen zum nachdenklich machenden Gesamtkunstwerk. Offen bleibt nur eine Frage: Wann kommt eine gemeinsame Berndorf/Willisohn CD?

Klaus-W. Althausen

 

Nürnberger Nachrichten vom 2.2.2004

„Otto Krause hat den Blues“: Musikalische Lesung mit hohem literarischen und musikalischen Anspruch kam beim Publikum bestens an.

WENDELSTEIN – Der eine sitzt vor dem Klavier und hämmert in die Tasten. Der andere sitzt vor dem Manuskript, raucht bedächtig und macht sein Geschriebenes lebendig. Der eine kommt vom Norden der Republik, der andere vom Süden. Doch so unterschiedlich die beiden auf den ersten Blick sein mögen, sie verbindet mehrere Dinge: Da ist zum einen die dunkle, grollende Reibeisenstimme, die sie beide haben. Und da ist zum anderen ein Phänomen: Beide haben den Blues.

Doch ob Jacques Berndorf, der renommierte Krimiautor, und Christian Willisohn, der aufregende Sänger, Texter und Komponist, den Blues haben, ist  Nebensache. Denn an diesem denkwürdigen Abend in der Jegelscheune hat ein ganz anderer den Blues. Einer, der real gar nicht da ist, nur in den Hirnen des Musikers und des Autors existiert, eine erfundene Gestalt. Otto Krause heißt er, ein junger, kaputter Typ, ein Loser, der nach einer verpfuschten Ehe ganz kräftig mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Und wir bangen mit Otto Krause, den keiner kennt und den am Ende des Abends jeder zu kennen glaubt.

„Otto Krause hat den Blues“. So heißt die faszinierende literarisch – musikalische Show, bei der sich die Besten ihres Genres im Jahr 2003 gefunden haben zu einem gemeinsamen Projekt, das eine runde Sache geworden ist. Ein Bluesmärchen für Erwachsene, eine bluesige Leidens- und Liebesgeschichte, todtraurig, aber mit Happy End.

Der Inhalt der Story ist schnell erzählt. Otto Krause, 32, seit fünf Jahren arbeitslos, hat eine freudlose Kindheit erlebt. Der Vater, ein Trinker, zwingt den 14-jährigen Otto, Maurer wie er zu werden. Otto, alles andere als zum Maurer geboren, wird ein Bücherfresser, lernt  Christine kennen, klaut einen LKW, wird vom Jugendrichter zum sozialen Dienst verdonnert. Otto heiratet Christine, die ihm einen Sohn namens Kevin schenkt.

Als Ottos linke Niere streikt, darf er nie mehr auf dem Bau arbeiten. So lässt er sich umschulen, arbeitet schwarz, wird Drogenkurier, wird gefasst, kommt für zwei Jahre in den Knast. Nach der Entlassung lässt sich Christine von ihm scheiden, weil er zwei Schlangen im Haus hält. Als lukrativen Nebenjob betreibt er nun die Schwarzfischerei im Stadtpark im großen Stil, wird aber erwischt von einem städtischen Beamten.

Ottos Schlagfertigkeit bewahrt ihn vor einem erneuten Konflikt mit dem Gesetz. Er gibt sich als arbeitsloser Biologe aus und behauptet, die Fische seien bakteriell befallen und er sei gerade dabei, dies wissenschaftlich zu untersuchen. Dies überzeugt den städtischen Beamten so, dass dem Otto sogar ein Arbeitsvertrag angeboten wird.

Der Münchner Musiker Christian Willisohn (Gesang, Piano) hat zu dieser Story eigene Songs komponiert, die er während der Lesung spielte. Mit seiner unverwechselbaren tiefen und sonoren Stimme und seinem dunklen Bluesgesang, der direkt aus New Orleans zu kommen scheint, erzeugte er Gänsehautgefühl und schuf ein düsteres Ambiente zu dem melancholischen Otto-Krause-Märchen. Die einzelnen Bluesstücke ergänzten in wunderbarer Weise die mal witzigen, mal traurigen Episoden der Geschichte um Otto Krause. Christian Willisohn gehört ja inzwischen zum festen Inventar der Jegelscheune. Dort tritt er mindestens einmal im Jahr auf. „Christian Willisohn ist einer der drei besten Bluespianisten auf diesem Planeten“, lautete das Kompliment des Krimiautors Berndorf.

Jaques Berndorf – Pseudonym des Journalisten Michael Preute - wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Der frühere Journalist arbeitet unter anderem für den „Stern“ und den „Spiegel“ und ist Verfasser der „besten Serie im zeitgenössischen deutschen Kriminalroman“, wie die FAZ schrieb. Mit seinen inzwischen elf Eifel-Krimis avancierte er zum auflagenstärksten deutschen Krimiautor der Gegenwart. Mehrere renommierte Preise konnte er inzwischen einheimsen.

Berndorf hatte Christian Willisohn in seinen Werken namentlich mehrfach erwähnt, ohne ihn persönlich zu kennen. Irgendwann lernte man sich dann wirklich kennen und schätzen und realisierte das Vorhaben „Otto Krause hat den Blues“. Berndorf: „Ich dachte völlig verblüfft, dass die Helden meiner Krimis genau dieses Gefühl haben mussten, das Christian Willisohn in perlenden Läufen und hingetupften Harmonien im Bass viel besser ausdrückte, als ich es mit meiner Sprache je erreichen konnte“. Das Experiment ist gelungen, es war ein wundervoller musikalisch-literarischer Abend.

 

ROBERT UNTERBURGER